„Es gibt endlich politische Normalität“

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Interview aus dem „kärnten.magazin“ – Ausgabe 03/2017 (Juni 2017)


Zeit der Veränderungen in Kärnten. Wir sprachen mit dem Politikwissenschaftler Peter Filzmaier über die Verfassungsreform, die Causa Heta und Zukunftsthemen.


Mit der neuen Kärntner Landesverfassung wird auch der Proporz abgeschafft – also eine klare Trennung zwischen Regierung und Opposition erfolgen. Wie wirkt sich das aufs politische Arbeiten aus?

Peter Filzmaier: Es gibt endlich politische Normalität. Aus geschichtlicher Sicht wollte man allen Parteien ab einer gewissen Größe Regierungssitze geben, um sie quasi zur Zusammenarbeit zu zwingen. Angesichts von politischen Lagern, die früher aufeinander geschossen haben, war das einst sehr wichtig. Dieser Grund ist längst weggefallen, und nun kommt es zur klaren Trennung von Regierung und Opposition, welche die Regierenden kontrolliert. Es ist ein Widerspruch in sich, wenn – um das aktuelle Beispiel zu bringen, dasselbe gilt für andere Parteikombinationen – FPÖ und Team Kärnten sich oppositionell zu SPÖ, Grüne und ÖVP verstehen, aber gleichzeitig mitregierende Landesräte stellen.


Die Verfassungsreform wurde als „Demokratiepaket“ präsentiert. Wie stark findet sich die Kärntner Bevölkerung darin wieder, wie wird Neuerung für die Menschen spürbar?

Peter Filzmaier: Es geht nicht um einen Soforteffekt „Jetzt ist alles anders!“, sondern das Gefühl von mehr Demokratie muss langsam wachsen. Doch ab den Landtagswahlen im März 2018 kommt es zur freien Koalitionsbildung, wodurch immer neue Regierungs- und Oppositionsparteien entstehen können. Damit wird dem Proporzfrust der Wähler „Es regieren immer die Gleichen!“ entgegen gewirkt. Hinzu kommt, dass nach und nach das Bewusstsein steigen wird „Hey, wir können uns direkt beteiligen!“


Ein Ziel der Verfassungsreform ist es, die direkten demokratischen Möglichkeiten auszubauen. Wie kann man die Menschen dafür am besten „abholen“?

Peter Filzmaier: Ich wäre bei der Direktdemokratie skeptisch, wenn nur Parteien jemand abholen wollen. Die Parteipolitiker werden ohnehin repräsentativ in den Landtag gewählt. Wenn dort ein Teil für Volksbefragungen stimmt, ist das für mich nicht der entscheidende Punkt. Idealerweise entstehen Beteiligungswünsche nicht primär von oben - wenn eine Partei aus womöglich taktischen Gründen direktdemokratische Abstimmungen auslöst -, sondern von unten. Nämlich durch Bürgerbewegungen oder -gruppen, die von sich aus der Meinung sind, bei einem Thema muss politisch etwas gemacht werden und man Unterstützungserklärungen für eine Volksabstimmung sammeln will.


Wie wichtig ist den Österreicherinnen und Österreichern „Verfassung“ allgemein bzw. was verstehen die Menschen darunter?

Peter Filzmaier: Natürlich klingt der Begriff Verfassung abstrakt. Doch die meisten Leute müssen ja keine rechtswissenschaftliche Prüfung an der Universität ablegen, um das genau zu definieren. Es genügt die ungefähre Vorstellung, dass jedes Zusammenleben von vielen Bürgern und dessen Organisation bestimmter und hoffentlich demokratischer Grundregeln bedarf. Diese braucht es genauso in Österreich und Kärnten, festgeschrieben sind sie in Bundes- und Landesverfassung. Sonst hätten wir Anarchie und Chaos. Ich denke, dass die Bevölkerung das in allgemeiner Form auch weiß.


Kann oder soll eine Verfassungsreform auch als Aufbruchssignal wirken bzw. positive Impulse auch in anderen, nichtpolitischen Bereichen auslösen?

Peter Filzmaier: Das wäre schön. Beteiligung ist in allen Lebensbereichen wichtig. Demokratie spielt sich genauso in Schulen, in Betriebsräten und in jeder Familie ab. Da soll definitiv auch nicht immer nur einer, meistens der Mann und Vater, entscheiden.


Was sind für Sie Zukunftsthemen, auf die Kärnten setzen kann bzw. sollte?

Peter Filzmaier: Obwohl es in dieser Ausgabe um Tourismus geht, darf man sich nicht nur darauf konzentrieren. Die Wertschöpfung aus Industrie & Co ist größer, also geht es um den Wirtschaftsstandort. Zugleich heißt es, dass Bildung für Arbeitsplatzchancen die Lösung ist, daher muss Bildungspolitik ein Schwerpunkt sein. Ein damit eng verbundenes Thema ist die Verhinderung des so genannten „brain drain“. Gemeint ist, dass Jüngere und besonders Gutgebildete aus Kärnten abwandern, und leider nicht nach ein paar Jahren Erfahrung anderswo zurückkommen. Hier verweise ich zugleich auf die Zukunft des ländlichen Raums. Wird in den Gemeinden genug für gute Arbeitsplätze junger Frauen mit höherer Qualifikation getan? Kann man diese nicht halten, stirbt das Land irgendwann aus.


Wie wird Kärnten Ihrer Meinung nach von außen, insbesondere seit der Lösung in der Causa Hypo/Heta, wahrgenommen?

Peter Filzmaier: Der Hypo Alpe Adria-Skandal war abgesehen von der finanziellen Katastrophe ein schwerer Imageschaden. Seit dem Kompromiss mit den Gläubigern besteht Hoffnung, dass man die Aufarbeitung durch die jetzige Landesregierung anerkennt. Kärnten sollte sich daher im positiven Sinn fragen, was das Land aus der Außensicht interessant macht. Auf die schöne Landschaft zu verweisen, das ist zwar richtig, doch kommunikationsstrategisch viel zu wenig. Kärnten braucht also eine Art überregionale PR-Offensive.


Wie sieht Ihre persönliche Beziehung zu Kärnten aus? Welcher ist Ihr Lieblingsort in Kärnten und warum?

Peter Filzmaier (lächelt): Ich war mehrere Jahre an der Universität Klagenfurt tätig, und habe in Kärnten gelebt. Daher kenne ich das Bundesland gut genug, um bloß nicht einen Lieblingsort zu nennen. Egal was ich sage, da wären die Bewohner der jeweils anderen Orte gekränkt. Verzeihen Sie mir daher die Standardantwort der schönen Berge und Seen.


Zur Info: Peter Filzmaier ist Professor an der Donau-Universität Krems und an der Karl-Franzens-Universität Graz. Er ist auch einer der Herausgeber des „Kärntner Jahrbuch für Politik“: www.jahrbuchkaernten.at


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